Die unbekannte Schöne 

„Endlich Feierabend“, denkt der Busfahrer Klaus Petersen, als er an einem milden FrĂŒhsommerabend zu Fuss den Heimweg antritt. Er holt tief Luft. „Mensch, war das ein Tag!“ Es fing damit an, dass morgens wegen einer Grossveranstaltung im Innenstadtbereich das absolute Verkehrschaos herrschte. Weiter ging es mittags mit einem Schwarzfahrer, der im Bus randalierte, als ein Kontrolleur in erwischte. Zu allem Überfluss fiel am Nachmittag auch nicht die TĂŒrautomatik aus. Klaus Petersen ist froh, dass dieser Arbeitstags vorbei ist. Er freut sich auf seine gemĂŒtliche Wohnung, ein Feierabendbier und auf seine Katze Lilly. Schön, dass da zu Hause jemand ist, der einen wieder auf andere Gedanken bringt. Seit 10 Jahren sind die beiden ein eingespieltes Team. Er erinnert sich noch sehr an den Tag, als Lilly plötzlich frierend im Hinterhof vor ihm stand, nicht mehr von seiner Seite wich und ihn hartnĂ€ckig bis zu seiner HaustĂŒr verfolgte. Sie hatte ihn sich ausgesucht. Einfach so. Und er hatte ĂŒberhaupt keine Chance, sich ihrem Charme zu widersetzen. Heute ist er fĂŒr diese schicksalhafte Begegnung sehr dankbar.

Wie das Leben so spielt 

Ein klagendes Miau reisst ihn aus seinen Gedanken. „Ja hallo, fremde Schöne." Vorsichtig nĂ€hert er sich der fremden Katze, die sich schĂŒtzend unter einem großen Rhododendron-Busch versteckt hat. Zwei grosse grĂŒne Augen schauen ihn neugierig an. „Na, du bist aber eine hĂŒbsche Lady. Wo kommst du denn her?“ Als ob die Katzendame sich fĂŒr dieses Kompliment bedanken möchte, kommt sie vorsichtig auf Klaus Petersen zu und reibt ihr Köpfchen an seinen Beinen. Er krault liebevoll ihr Fell. „So, jetzt muss ich aber gehen“, erklĂ€rt er nach einer Weile. „Und du solltest dich auch auf den Heimweg machen. Es wird bald dunkel, und dein Frauchen macht sich bestimmt schon Sorgen." Sie folgt ihm noch ein paar Schritte und verschwindet dann im Vorgarten eines Hauses.

Als er in den nĂ€chsten Tagen dieselbe Strasse entlanggeht, begegnet er „seiner Lady" erneut. Es sieht fast so aus, als ob sie dort auf ihn wartet. Auch diesmal verfolgt sie ihn wieder bis zur grossen Kreuzung und verschwindet dann in einer kleinen GrĂŒnanlage. Ein paar Tage spĂ€ter ist die Schöne plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Er ist fast ein wenig traurig, denn er fand diese nette WeggefĂ€hrtin ganz charmant. Ob sie wohl ein Zuhause hat? Nachdenklich biegt er in die Strasse ein, in der er wohnt und holt schon mal seinen SchlĂŒssel aus der Tasche. „Miau", ertönt es plötzlich hinter einem Mauervorsprung und mit einem Satz springt die Katzen-Lady vor seine FĂŒsse. Klaus Petersen traut seinen Augen nicht. Geht das hier noch mit rechten Dingen zu? Wo kommt sie plötzlich her? Er schaut sie an. Heute wirkt die Katzen-Lady auf ihn zum ersten Mal nicht so, als sei sie nur auf einer Erkundungstour durch ihr Revier. Ihr Fell ist ungepflegt, und sie scheint Gewicht verloren zu haben.

Was nun? Klaus Petersen ist ratlos. Und die Kleine lĂ€sst sich einfach nicht abschĂŒtteln. Als er weitergehen will, weicht sie nicht einen Schritt von seiner Seite. Diese HartnĂ€ckigkeit kommt ihm bekannt vor. Lilly und Lady scheinen etwas gemeinsam zu haben. „Ich kann dich nicht mit nach Hause nehmen. Da wohnt schon meine Lilly. Und die wird von einem weiteren Mitbewohner nicht gerade begeistert sein", bemerkt er mit leiser Stimme. Doch Klaus Petersen hat keine Chance. Die Fremde schaut ihn mit einem herzerweichenden Blick an, bei dem selbst der StĂ€rkste schwach werden muss. Ohne lange zu ĂŒberlegen nimmt er die Katze auf den Arm und geht in seine Wohnung.

Zwei sind eine zu viel 

Klaus Petersens Zweifel werden natĂŒrlich voll und ganz bestĂ€tigt. Lilly verhĂ€lt sich alles andere als „ladylike“ und zeigt dem Eindringling sofort, wer hier der „Herr im Hause ist". Fauchen, Jagen, Pfotenschlag - Lilly greift zu sĂ€mtlichen Waffen einer Katze, um die Neue in die Flucht zu schlagen. Doch Lady scheint von diesem Gehabe wenig beeindruckt. Keck rennt sie in die KĂŒche. Klaus Petersen ist froh, dass er ein paar Tage Urlaub hat. Er wird die Sache mit den beiden schon irgendwie regeln. Vor allem muss er sofort herausfinden, wem die Lady eigentlich gehört. Er schaut nach, ob sie eine TĂ€towierung am Ohr hat - nichts. Aber vielleicht hat sie ja einen Mikrochip. Klaus Petersen nimmt die Katze auf den Arm und geht sofort mit ihr in die Tierarztpraxis eines Freundes, der eine Strasse weiter wohnt. Der Tierarzt prĂŒft mit einem LesegerĂ€t, ob sie einen Mikrochip unter der Haut hat - doch Fehlanzeige.

Jetzt plant er noch weitere AktivitĂ€ten 

Am nĂ€chsten Tag will er im ganzen Viertel Zettel aushĂ€ngen und auch im Tierheim anrufen. Vielleicht gelingt es ja so, den Besitzer ausfindig zu machen. Und in der Zwischenzeit muss er versuchen, die zwei StreithĂ€hne voneinander fern zu halten. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn die Lady fĂŒhlt sich schon nach der ersten Stunde so, als ob sie schon immer fest zur Familie Petersen gehört. Sie nimmt ganz selbstverstĂ€ndlich Lillys Stammplatz auf dem Fensterbrett ein, hĂ€lt ein kleines SchlĂ€fchen auf Lillys Kuscheldecke, dehnt und reckt sich an Lillys Kratzbaum und rennt hinter Lillys Spielzeugmaus her. Anscheinend fĂŒhlt sie sich hier wohl. Sowie Lilly vor 10 Jahren. Klaus Petersen ist mit seiner Weisheit am Ende. Jetzt hat er zwei Katzen, aber die vertragen sich nicht.

 Eine schwere Entscheidung 

Am nĂ€chsten Tag startet er die grosse Suchaktion nach dem Besitzer der fremden Schönen. Klaus Petersen hat sogar von seinen Kollegen in sĂ€mtlichen Buslinien der Stadt kleine Plakate 3 aushĂ€ngen lassen, um den Besitzer der Lady ausfindig zu machen. Doch was er auch anstellt - keiner scheint die fremde Katze zu vermissen. „Wie kann man so eine hĂŒbsche und elegante Lady einfach so herzlos aussetzen?" Liebevoll streicht er ĂŒber ihr weiches Fell. Klaus Petersen schaut rĂŒber zu Lilly, die ziemlich angespannt wirkt und ganz offensichtlich eifersĂŒchtig ist. Mit ein paar Extra-Streicheleinheiten und einer ausgelassenen Spielstunde versucht er sie abzulenken.

Als Klaus Petersen abends ins Bett geht, kann er kaum einschlafen. Er ist hin und her gerissen. Auf der einen Seite will er die GefĂŒhle von Lilly nicht verletzen, die hier im Haus die Ă€lteren Rechte hat. Auf der anderen Seite bringt er es kaum ĂŒbers Herz, Lady wieder aus den HĂ€nden zu geben.

Wenn er jedoch ehrlich zu sich selbst ist, ist das die einzige Alternative. Er fÀllt in einen unruhigen Schlaf.

Der Haussegen wird gerade gerĂŒckt.

Am anderen Tag telefoniert Klaus Petersen mit dem Tierheim. „Wir haben zwar schon zwei Dutzend Katzen, aber Sie können das Tier morgen vorbeibringen," antwortet ihm eine Frauenstimme.

Nach dem Telefonat krault er Lady unterm Kinn. Ob sie wohl schon spĂŒrt, was auf sie zukommt? Er hat ein wahnsinnig schlechtes Gewissen.

Lilly beobachtet aus sicherer Entfernung das Geschehen. Seit der Spielstunde am Vorabend hat sich ihre Laune deutlich gebessert, und allmÀhlich nimmt sie wieder am familiÀren Geschehen teil. Sie schleicht in einem grossen Bogen um Lady herum. Ist das der erste AnnÀherungsversuch? Kann er vielleicht doch noch hoffen?

Vielleicht sollte er es einfach mal mit einer gemeinsamen Spielstunde versuchen. Er holt den Tennisball aus dem Schrank, das Lieblingsspielzeug von Lilly. Langsam lĂ€sst er ihn ĂŒber den Teppich rollen. Lilly springt mit einem Satz hinterher. Er holt einen zweiten fĂŒr Lady aus dem Schrank, und die Neue scheint auf das neongelbe Jagdobjekt ebenfalls ganz wild zu sein. So entwickelt sich ein spannendes Match, bei dem natĂŒrlich beide Katzen die Gewinner sind. Klaus Petersen ist zufrieden. Er hat das GefĂŒhl, dass die zwei sich allmĂ€hlich besser „riechen" können. Er geht in die KĂŒche, um die Mahlzeiten fĂŒr die „Wimbledon-Sieger" vorzubereiten. Als er zurĂŒckkommt, haben es sich beide Katzen auf dem Sofa bequem gemacht. Ein erster AnnĂ€herungsversuch? Vielleicht brauchen manche Freundschaften einfach nur etwas Zeit.

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