Der Streuner

Mit leuchtenden Augen kam Tabitha leichtfĂŒĂŸig den Hang neben dem Haus herunter. Sie hatte eben ein ScharmĂŒtzel mit ihrer Nachbarin Bundle hinter sich gebracht. Kein ernsthaftes  ScharmĂŒtzel, mehr eines von der Art, die beide Kontrahenten genießen. Bundle hatte sie angefaucht, und sie hatte Bundle angefaucht und war dann heimgelaufen, sehr zufrieden mit sich. Sie war eine haifischgraue Tigerin mit lebhaften grĂŒnen Augen, Kinn und Brust von reinstem Weiss. Tabitha war Pufftails Tochter. Obwohl erst einjĂ€hrig, hatte Tabitha bereits einmal geworfen: Vier KĂ€tzchen hatte sie im vorigen Herbst geboren. Drei waren, wie ihre menschlichen Betreuer es nannten, „in gute HĂ€nde gegeben" worden, ein Katerchen hatte man zurĂŒckbehalten. Es hatte eine rosa Nase und helle, grĂŒne neugierige Augen, die ein wenig denen seiner Mutter glichen. Es war schwarzweiss, doch das Schwarz ĂŒberwog.

Altvater Pufftail lebte auf der Strasse, er gehörte zu keinem Menschenhaushalt. War es sehr kalt, kroch er durch die Katzenklappe von Nummer zwölf und schlief dort in der KĂŒche. Manchmal logierte er im GerĂ€teschuppen oder in einer Garage. Doch Altvater Pufftail war ein stolzer und unabhĂ€ngiger Kater, und weder Frau noch Kind nannten ihn ihr eigen. Er hatte sogar etwas dagegen, dass man ihm ĂŒberhaupt einen Namen gegeben hatte, obschon ihn jeder in der Strasse Pufftail nannte und er ein allgemein beliebter Eigenbrötler war. Tabitha liebte ihren Vater. Sie betrachtete ihn als etwas SelbstverstĂ€ndliches. Sie merkte nicht, wie ungewöhnlich es fĂŒr eine Katze ist, ihren Vater zu kennen. Kitcheners Vater hatte Tabitha vorigen Sommer von weit her besucht, sie dachte noch immer gern an ihn: ein rundlicher schwarzer Kater mit RĂ€tselaugen. Die Abende, an denen er auf dem Schuppendach nach ihr gemaunzt hatte, waren ihrer Erinnerung ebenso teuer wie die warmen, mondhellen NĂ€chte, die darauf folgten. Doch war er nun eine Gestalt der Vergangenheit, und sie erwartete nicht, ihn wiederzusehen.

Pufftail wiederum, der so grossen Wert darauf legte, unabhĂ€ngig und ein Streuner zu sein, blieb dauernd in der NĂ€he. Obwohl er zwischen Abfalltonnen lebte und alles, was er frass, erbettelt oder stibitzt war, war Pufftail doch jederzeit ein Gentleman - wenn auch vielleicht ein Gentleman der Landstrasse. Tabitha kannte kaum die HĂ€lfte vom Leben ihres Vaters. Sie wusste, dass die Menschen grausam zu ihm gewesen waren, auch dass er viele Abenteuer hinter sich gebracht hatte, ehe er Tabithas Mutter begegnete. Über die Details jedoch hatte ihr Vater ihr wenig erzĂ€hlt.

Jetzt sass er in der Nachmittagssonne oben auf der Gartenmauer mit seinem Enkel und sah so gesetzt und zahm aus wie ein sterilisierter Rassekater in einem Pfarrhaus.

„Grossvater, erzĂ€hl’ mir von der guten alten Zeit", sagte der kleine Kater, als er seine Mutter nĂ€her kommen sah.

„Deine Ohren sind schmutzig", sagte Tabitha und leckte ihren Sohn. „Wenn du dich nicht wĂ€schst, wirst du schliesslich aussehen wie dein Grossvater." - „Na, charmant", sagte Pufftail. „Da siehst du, wie es ist, wenn man eine liebende Tochter hat. Du verstehst, warum ich mich in der NĂ€he eures Hauses herumtreibe, wenn solche unwiderstehlichen Komplimente von den Lippen deiner Mutter fliessen."

„Was ist ein Kompli-Dingsbums?" fragte der kleine Kater mit Unschuldsblick.

„Etwas Nettes, das man ĂŒber jemand sagt", antwortete Tabitha. „Grossvater hat gescherzt. Er glaubt, ich sei unhöflich zu ihm gewesen."

„Und warst du es denn?" „Ein bisschen", sagte Tabitha mit einem LĂ€cheln. „Und jetzt, Vater, möchtest du, dass ich in die KĂŒche gehe und mich dort mal umschaue?"

„Mein MĂ€dchen, du bist die Freundlichkeit in Person." Tabitha war eingefallen, dass die Leute, die mit in ihrem Haus wohnten, die sonderbare Gewohnheit hatten, bei Lammkoteletts nur das Fleisch abzunagen. Heute Mittag hatte es Lammkoteletts gegeben, und viel leckeres Fett war an den Knochen dran geblieben. Sie trabte in's Haus, um ihrem Vater fĂŒr's Abendessen ein paar Koteletts zu holen, und Pufftat sprach weiter mit dem kleinen Kater. Dieses ZwiegesprĂ€ch ging den ganzer Sommer lang weiter. WĂ€hrend Tabitha etwas NĂŒtzliches tat, etwa alles sauberzumachen, zu dösen, Essbares in den Garten zu bringen oder Vögel zu jagen oder mit den Nachbarn zu streiten, saß Pufftail bei den MĂŒlltonnen am Ende des Gartens und erzĂ€hlte dem Enkelkater alles ĂŒber die alten Zeiten.

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