Das Weihnachtskätzchen

von James Herriot

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit muss ich an Frau Pickerings kleine Katze denken. Als Landtierarzt hatte ich oft weit zu fahren, wenn ich meine Patienten besuchte, und hin und wieder schaute ich auf meiner Runde auch bei Frau Pickering vorbei, die drei Basset-Hunde besass. Bei ihr sah ich Debbie, das Kätzchen, von dem ich jetzt erzählen will, zum erstenmal.

Verwundert schaute ich dem kleinen Tier nach, wie es leise den Flur entlang strich. „Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie eine Katze haben", sagte ich zu Frau Pickering, einer rundlichen älteren Dame mit gutmütigem Gesicht. Sie lächelte: „Sie gehört uns eigentlich nicht. Debbie ist eine kleine Streunerin. Zwei-, dreimal die Woche kommt sie vorbei, und wir füttern sie. Ich weiß nicht einmal, wo sie wohnt." — „Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, dass sie gern hier bleiben würde?" fragte ich. Frau Pickering schüttelte den Kopf. „Nein. Sie ist ein scheues kleines Ding. Kommt hereingeschlichen, frisst ein bisschen und stiehlt sich wieder davon. Ich glaube nicht, dass sie bei mir Hilfe sucht."

Ich schaute auf die kleine getigerte Katze hinab. „Heute hat sie wohl Hunger." - „Ja, komisch. Manchmal huscht sie auch nur ins Wohnzimmer und setzt sich dort ein paar Minuten ans Feuer. So, als ob sie sich einmal etwas ganz Besonderes gönnen wollte."

Die kleine Katze saß kerzengerade auf dem dicken Vorleger. Im Feuer glühten und funkelten die Kohlen. Neben Debbie dösten die drei Basset-Hunde. Sie kannten sie wohl schon, denn zwei von ihnen beschnupperten sie mit gelangweilter Miene, während der dritte nur kurz unter einem Augenlid hervorschielte. Debbie schaute nur gebannt ins Feuer. Das musste ein ganz besonderes Ereignis in ihrem Leben sein.

Dann drehte sie sich plötzlich um und schlich lautlos aus dem Zimmer. Weg war sie.

 „So ist das eben mit Debbie", sagte Frau Pickering lachend. „Sie bleibt nie länger als zehn Minuten oder so, dann ist sie wieder weg." Bei jedem Besuch bei Pickerings hielt ich nach Debbie Ausschau. Einmal war sie gerade dabei, an der Küchentür von einem Tellerchen zu naschen. Als ich näher hinsehen wollte, machte sie kehrt und huschte wie der Blitz die Treppe hinunter und durch den Hur ins Wohnzimmer. Mitten zwischen den Bassets machte sie halt, setzte sich wie immer aufrecht und ruhig hin und schaute in das glühende Feuer.

Diesmal versuchte ich, mich mit ihr anzufreunden, und streckte ihr die Hand hin, aber sie wich zurück. Erst als ich leise mit ihr redete, durfte ich mit dem Finger ihre Wange Streichern. Dann wurde es wieder Zeit für sie. Sie ging hinaus, sprang auf die Gartenmauer und flitzte auf der anderen Seite durch das hohe Gras davon. „Wo sie wohl hingeht?" murmelte ich. „Das wissen wir bis heute nicht", sagte Frau Pickering.

Drei Monate später rief mich Frau Pickering wieder an, zufällig am Morgen des Weihnachtstages. „Es tut mir leid, dass ich Sie ausgerechnet heute belästigen muss", entschuldigte sie sich. „Das macht gar nichts", sagte ich. „Welcher Hund braucht denn diesmal Hilfe?" — „Keiner. Es ist ... Debbie. Sie ist vorhin gekommen, und es scheint ihr sehr schlecht zu gehen. Bitte kommen Sie schnell."

Ich fuhr über den leeren Marktplatz. Dichter Schnee lag auf der Straße und auf den Dächern der umliegenden Häuser. Die Geschäfte waren geschlossen, und hinter den Fensterscheiben glitzerten die bunten Lichter der Weihnachtsbäume. Frau Pickerings Haus war schön geschmückt mit Goldgirlanden und Stechpalmenzweigen, und ein köstlicher Duft nach Truthahn, Salbei und Zwiebeln strömte aus der Küche. Frau Pickering machte jedoch ein sehr besorgtes Gesicht, als sie mich durch das Wohnzimmer führte.

Da war Debbie, aber sie saß nicht aufrecht wie sonst. Sie lag ganz still da - neben ihr kauerte ein winziges Kätzchen. „Was haben wir denn da?" fragte ich verwundert. „So etwas Komisches", sagte Frau Pickering. „Wochenlang habe ich Debbie nicht gesehen. Vor zwei Stunden kam sie auf einmal und wankte in die Küche, mit dem kleinen Kätzchen im Maul. Hier drinnen hat sie es dann auf den Teppich gelegt. Ich habe sofort gesehen, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung ist. Dann hat sie sich so hingelegt wie jetzt und sich seitdem nicht mehr bewegt." Ich kniete mich auf den Teppich und strich mit der Hand über Debbies Körper; Frau Pickering hatte ihr ein Leintuch untergelegt. Debbie war völlig abgemagert, und ihr Fell war schmutzig. Ich wusste, sie würde nicht mehr lange leben. „Ist sie krank, HerrHerriot?" fragte Frau Pickering mit zittriger Stimme. „Ja ... ich fürchte, ja. Aber ich glaube nicht, dass sie Schmerzen hat." Als Frau Pikkering mich anschaute, sah ich Tränen in ihren Augen. „Ach, das arme Ding! Hätte ich mich nur mehr um sie gekümmert."

„Niemand hätte sich liebevoller um sie kümmern können als Sie", sagte ich leise, „und schließlich hat sie doch ihr Kleines zu Ihnen gebracht, nicht wahr?" - „Ja, da haben Sie recht." Frau Pickering hob das winzige, nasse Kätzchen auf. „Ist das nicht sonderbar - Debbie hat gewusst, dass sie sterben würde. Deshalb hat sie ihr Junges hierher gebracht. Und das an Weihnachten." Ich beugte mich hinunter und legte meine Hand auf Debbies Herz. Es schlug nicht mehr. „Es tut mir leid. Sie ist tot", sagte ich, hob den federleichten Körper auf und brachte ihn ins Auto.

Als ich zurückkam, streichelte Frau Pickering das Kleine immer noch. Sie weinte nicht mehr,sondern sah mich mit leuchtenden Augen an. „Ich habe noch nie eine Katze gehabt", sagte sie. Ich lächelte. „Es sieht ganz so aus, als ob sie jetzt eine haben."

Das Kätzchen wuchs schnell zu einem prachtvollen, vergnügten Kater heran, und Frau Pickering nannte ihn Buster. Er war nicht scheu wie seine Mutter, und et lebte wie ein König; mit seinem schön verzierten Halsband sah er wirklich wie ein König aus.

Doch nie werde ich vergessen, was genau ein Jahr später, wieder am Weihnachtstag, geschah.

Nachdem ich auf einem Bauernhof eine kranke Kuh versorgt hatte, machte ich mich auf den Heimweg und freute mich schon auf mein Weihnachtsessen.

Als ich am Haus von Frau Pickering vorbeikam, stand sie vor der Tür und rief mir zu: „Frohe Weihnachten, Herr Herriot! Kommen Sie doch herein und trinken Sie etwas zum Aufwärmen!"

Ich hatte noch ein wenig Zeit, also hielt ich an und ging mit hinein. Es herrschte dieselbe festlicheStimmung wie im Jahr zuvor, und derselbe herrliche Duft nach Salbei und Zwiebeln stieg mir in die Nase. Aber in diesem Jahr gab es keine Trauer — Buster war da! Er war gerade dabei, der Reihe nach die Hunde zu argern. Mit gespitzten Ohren und funkelnden Augen sprang er auf sie zu, versetzte ihnen einen Klaps mit der Pfote und flitzte dann davon. Frau Pickering lachte. „Immer muss Buster sie necken. Er lässt ihnen keine Ruhe." Sie hatte recht. Denn bisher war das Leben der Hunde ziemlich ruhig verlaufen: gemächliche Spaziergänge mit ihrem Frauchen, Leckerbissen nach Herzenslust und ausgedehnte Nickerchen auf Teppichen und Sesseln – bis Buster kam!

Soeben tänzelte er mit geneigtem Kopf wieder auf den jüngsten Hund zu, um ihn zum Spielen aufzufordern. Als er schließlich anfing, mit beiden Pfoten loszuboxen, wurde es dem Hund zuviel, und es gab ein lustiges Gerangel zwischen den beiden. „Kommen Sie mal in den Garten, ich will Ihnen etwas zeigen", sagte Frau Pickering. Sie nahm einen harten Gummiball mit, und wir gingen hinaus. Sie warf den Ball über den Rasen. Buster sprang durch das reifbedeckte Gras hinterher, und sein getigertes Fell schimmerte in der Sonne. Er schnappte den Ball mit dem Maul, brachte ihn zurück, legte ihn seinem Frauchen vor die Füße und wartete. Frau Pickering warf, und Buster brachte den Ball wieder zurück. Ich staunte. Ein Kater, der apportieren konnte! Die Bassets sahen unbeeindruckt zu. Nichts auf der Welt konnte sie dazu bewegen, einem Ball nachzujagen, aber Buster konnte gar nicht genug davon bekommen. Frau Pickering sagte: „Haben Sie so etwas schon mal gesehen?" — „Nein", antwortete ich.

Als wir wieder im Haus waren, drückte Frau Pickering Buster fest an sich und lachte, weil er so laut schnurrte. Er war rundum gesund und zufrieden, und als ich ihn so anschaute, musste ich an seine Mutter denken. Sie hatte ihr Kleines hierher gebracht, weil es für sie nirgends sonst so schön warm und behaglich gewesen war. Frau Pickering dachte wohl dasselbe. „Debbie würde sich freuen", sagte sie lächelnd und nachdenklich zugleich. Ich nickte. „Ja, das glaube ich auch. Ist es nicht genau ein Jahr her, seit sie Buster zu Ihnen gebracht hat?" Frau Pickering drückte ihn wieder an sich. „Ja. Das war mein allerschönstes Weihnachtsgeschenk!"

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